Sonoma County grenzt im Osten an Napa Valley – und könnte dennoch kaum anders sein. Während Napa sich auf eine überschaubare Anzahl Rebsorten und einen klar definierten Stil konzentriert hat, ist Sonoma eine Region der Widersprüche und Gegensätze: ozeanisch kühle Küstenlagen neben warmen Binnensenken, leichte Pinot Noirs neben mächtigen Zinfandels, handwerkliche Kleinstbetriebe neben industriellen Großkellereien. Was Sonoma zusammenhält, ist kein gemeinsamer Stil, sondern eine Geisteshaltung – neugierig, unideologisch, mit einem ausgeprägten Sinn für Eigenständigkeit.
Mit über sechzig Kilometern Ausdehnung von Nord nach Süd und mehr als einem Dutzend anerkannter Unterregionen ist Sonoma County flächenmäßig größer als das gesamte Elsass. Wer hier „Sonoma" auf dem Etikett liest, weiß damit noch wenig über den Wein. Was zählt, ist die Lage: ob Russian River Valley, Sonoma Coast, Alexander Valley oder Dry Creek – jede dieser Appellationen hat ein eigenes Gesicht.
Klima: Zwischen Nebel und Wärme
Der Pazifik formt Sonoma mehr als jeder andere Faktor. Im Westen, wo die Küste steil abfällt und die Nebelbänke täglich hereindriften, herrschen kühle, feuchte Bedingungen – ideal für Pinot Noir und Chardonnay. Je weiter man sich nach Osten und Norden bewegt, desto weniger Einfluss hat der Ozean, desto wärmer und trockener wird es. Im Alexander Valley reifen Cabernet Sauvignon und Merlot zuverlässig aus; im Dry Creek Valley findet der Zinfandel seit Jahrzehnten eine seiner überzeugendsten Ausdrucksformen. Diese klimatische Bandbreite ist Sonomas größter Trumpf – und für Außenstehende mitunter seine größte Herausforderung.
Russian River Valley: Das Herzstück
Wer Sonoma auf eine Appellation reduzieren müsste, käme um das Russian River Valley nicht herum. Der Russian River schneidet durch die Küstenkordillere und öffnet so eine natürliche Schneise für den Pazifik-Nebel, der sich jeden Morgen über die Weinberge legt und erst am Nachmittag auflöst. Auf den charakteristischen Goldridge-Sandböden – nährstoffarm, tiefgründig, bestens drainiert – wurzeln Pinot-Noir-Reben, deren Früchte eine Kombination aus Erdbeere, Kirschkern, Pilz und feiner Säure ergeben, die weltweit als Referenz für den kalten kalifornischen Pinot gilt. Williams Selyem, Rochioli und Littorai haben diese Appellation auf der Weltkarte verankert.
Stilvielfalt als Programm
In Sonoma arbeiten Winzer mit einem Rebsortenspektrum, das kaum einer anderen amerikanischen Region entspricht: Pinot Noir, Chardonnay, Zinfandel, Cabernet Sauvignon, Syrah, Grenache, Carignan, Trousseau – die Liste ließe sich fortsetzen. Viele der interessantesten Betriebe sind klein, familiengeführt und bewusst gegen den Mainstream positioniert. Naturalwein, Amphore, Feldblends aus alten Reben – Sonoma ist experimentierfreudig, ohne dabei ins Beliebige zu kippen. Der Unterschied zu Napa liegt nicht nur im Stil, sondern in der Haltung: weniger Hochglanz, mehr Substanz.