Beaujolais hat ein Imageproblem, das nichts mit den Weinen zu tun hat. Der Beaujolais Nouveau – jener früh abgefüllte Primeurwein, der jeden dritten Donnerstag im November mit großem Marketingaufwand in die Welt geschickt wird – hat jahrzehntelang das Bild der Region geprägt und dabei verdeckt, was im nördlichen Teil wirklich entsteht: ernsthafte, lagerfähige Rotweine aus Gamay, gewachsen auf altem Granit, unverwechselbar in Charakter und Form.
Die Rehabilitierung begann leise, in kleinen Kellern, durch eine Handvoll Winzer, die unter dem Einfluss des Önologen Jules Chauvet auf Schwefel und zugekaufte Hefen verzichteten und die Frucht der Gamay für sich sprechen ließen. Marcel Lapierre in Morgon, Jean Foillard, Guy Breton, Jean-Paul Thévenet – diese Namen stehen nicht nur für Weine, sondern für eine Bewegung, die dem Beaujolais seine Würde zurückgegeben hat. Heute zählen die besten Crus zu den gefragtesten Weinen Frankreichs überhaupt.
Granit als Fundament
Der entscheidende Bruch in der Region verläuft geologisch. Im Süden, wo einfacher Beaujolais und Beaujolais-Villages wächst, dominieren Kalk- und Lehmböden – fruchtbar und für frische Trinkweine geeignet. Im Norden hingegen, auf den verwitterten Granitkuppen zwischen Villefranche-sur-Saône und Mâcon, liegt das Herz der zehn Crus. Dieser rosa Granit, im Laufe von Jahrmillionen zu feinsandigem Grus zerfallen, ist nährstoffarm, warm und bestens drainiert. Die Gamay, die auf Kalkstein oft brav und wenig tiefgründig bleibt, entwickelt auf Granit eine Komplexität, die Kenner immer wieder überrascht.
Die zehn Crus
Saint-Amour ist der nördlichste und charmanteste Einstieg – leicht, fruchtig, zugänglich. Juliénas bringt mehr Fleisch und Würze mit, entwickelt sich mit einigen Jahren Keller deutlich weiter. Chénas, der kleinste Cru, steht oft im Schatten seines mächtigen Nachbarn Moulin-à-Vent, hat aber ein eigenes, kraftvolles Format. Moulin-à-Vent gilt als König des Beaujolais: manganreiche Böden und eine südliche Exposition erzeugen den dunkelsten, tanninreichsten und lagerfähigsten Wein der Region. Fleurie ist sein Gegenpol – seidig, floral, mit Veilchen und Pfingstrose in der Nase, Beaujolais in seiner elegantesten Form. Chiroubles, auf den höchsten Lagen gelegen, ist der leichteste und zarteste Cru, am besten jung getrunken.
Morgon verdient einen eigenen Absatz. Régnié, seit 1988 als jüngster Cru anerkannt, ist frisch und beerig. Brouilly, der größte Cru, ist saftig und trinkfreudig. Côte de Brouilly, auf den Hängen des Mont Brouilly, ist mineralischer und konzentrierter als sein flächiger Nachbar.
Morgon: Der Sonderfall
Die Weinberge rund um den Côte du Py – einen verwitterten Vulkankegel aus blauem Schiefer und Manganoxid – erzeugen Gamay von einer Dichte und Langlebigkeit, die in der Region ihresgleichen sucht. Alter Morgon, fünf oder zehn Jahre im Keller, öffnet sich zu einer Komplexität aus Kirschen, Erde, Fleisch und Mineralen, die an reifen Pinot Noir aus der Côte de Nuits erinnert. Kein Zufall, dass Lapierre, Foillard und Breton ausgerechnet hier ihre Kellereien haben.